Über das Betreiben einer Mastodon-Instanz

Zusammen mit einer Freundin betreibe ich die Mastodon/Fediverse-Instanz chaos.social, und zwar seit fast fünf Jahren. Da wird es Zeit, mal auf die Höhen, die Tiefen und die Abgründe zurückzublicken. Falls das etwas melodramatisch klingt, tut es mir leid – im englischen Post heißt es „The Good, the Bad and the Ugly“, nach dem Film, und übersetzt sich etwas schlecht.

Icke

Kurzer Kontext für die, die mich nicht kennen: Ich bin an chaos.social damals nicht blauäugig herangegangen. Ich betreibe eine Reihe anderer Webanwendungen, aber viel wichtiger: ich trete auch in anderen Gruppen als Mod auf, beispielsweise für mehrere Konferenzen, im Chat eines größeren Twitch-Kanals, in mehreren Discord-Servern und auf einer Mailing-Liste. Damals, als man sich noch in echt getroffen hat, war ich außerdem sehr aktiv in einem Hackerspace. Ich zähle das alles nur auf, weil das die Erfahrungswerte in meinem Hinterkopf sind, an denen ich das Fediverse gemessen habe.

Das Datenblatt

Leah und ich setzten chaos.social im April 2017 auf, als Mastodon gerade plötzlich viel Aufmerksamkeit bekam, und widmeten es einer absichtlich vage gehaltenen Gruppe. Das Motto („… because anarchy is more fun with friends“) deutet es etwas an: „Wir“, das ist ungefähr das deutschsprachige Chaos, also die Leute rund um den Chaos Computer Club, plus alle, die sich als Freunde, Bekannte, Sympathisanten und Neugierige verstehen. Die Gruppe ist links und queer (oder auch nicht), voll von deutschen (und nicht-deutschen) Nerds (und Nicht-Nerds). Hilfreich, ich weiß.

Am Anfang konnte sich jede*r bei uns registrieren, aber nach etwas zu rasantem Wachstum schalteten wir die offene Registrierung ab. (Das ist leichter gesagt als getan – siehe unten.) Neue Accounts treten über bestehende Nutzer*innen bei, die Einladungen verteilen können. Gelegentlich verteilen wir auch Einladungen während CCC-Veranstaltungen. Dieses Vorgehen hat sich bewährt: chaos.social ist aktiv, ohne zu unübersichtlich zu werden. Wir haben derzeit ungefähr 7000 Accounts, von denen 2000 im letzten Monat aktiv waren, und knapp 2,5 Millionen Beiträge insgesamt.

Die Arbeit

Wenn man nach Arbeitsstunden geht, ist die Instanz im Normalbetrieb (nach der arbeitsintensiven Anfangsphase) nicht sehr anspruchsvoll. Ich würde schätzen, dass ich im Schnitt zwei Stunden die Woche in das ganze Projekt stecke. In einer normalen Woche ist das sogar nur eine halbe Stunde, hauptsächlich für Moderationskram (siehe unten) und das Beantworten von Mails (von Leuten, die eine Einladung wollen oder ihre 2FA verlegt haben). Zum Ausgleich gibt es die richtig arschigen Dreckswochen (siehe ganz unten), die Zeit fressen, als würden sie dafür bezahlt.

Um die technische Seite kümmert sich vor allem Leah, die schließlich Systemadministratorin von Beruf ist. Von Monitoring, Updates, allgemeine Wartung bis hin zur Pflege des Servers (der ihr gehört) muss ich mich um nichts kümmern. Gelegentlich trete ich den Server und kümmere mich um Kleinkram, und ich habe zu Beginn auch die Instanz mit aufgesetzt und ein paar lustige Datenbankhacks eingebaut, aber im Alltag schlagen technische Probleme bei mir nicht auf.

Zum Glück (für Leah) ist nach dem ersten Aufsetzen von Mastodon die Technik nicht das große Sorgenkind. Ich betreibe einige andere Webanwendungen außer chaos.social, und Mastodon ist vom Aufwand her ziemlich durchschnittlich. Es gibt sogar einige Vorteile gegenüber vielen anderen Anwendungen: die anderen Instanzadmins nämlich, die #mastoadmin lesen und einander gerne unter die Arme greifen (und dabei meistens deutlich hilfreicher als offizielle Anlaufpunkte sind).

Genug der trockenen Vorstellungsrunde – jetzt werde ich ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern, und von den Höhen, Tiefen und Abgründen der Arbeit als Instanzadmin erzählen. Ich bin mir nicht sicher, ob Ereignisse in den drei Kategorien wirklich so zu Extremen neigen, oder ob ich mich nur an die besonders guten und besonders schlechten Dinge am besten erinnere – falls das so ist, verzeiht mir mein tendenziöses Gedächtnis.

Die Höhen

Raum, ob physisch oder digital, für eine Gruppe bereitzustellen ist immer ein Stück weit bereichernd. Ich werde jetzt nicht zur Banalitätenschleuder werden und euch erzählen, dass die glücklichen User*innen am Ende jeden Aufwand wert sind. Stattdessen will ich etwas präziser sein, und einige der Dinge auflisten, die die letzten Jahre über chaos.social immer wieder eine gute Idee haben scheinen lassen.

Hach

Zunächst einmal ist es unglaublich befriedigend, zu sehen wie es Leuten in einem Raum gut geht, den man selber geschaffen hat oder verantwortet. Da sind Menschen, die gute Tage genießen, an schlechten Tagen Hilfe und Trost finden, die ihr Leben und ihre Meinungen mit anderen teilen, mal Spaß haben und mal wütend sind, die Spiele spielen, und sogar Kunst für uns produzieren – und alles, weil Leah und ich uns um die Instanz kümmern. Das ist ein richtig gutes Gefühl, und so fühle ich mich gerne.

Gemeinschaft

Dann ist da die Wertschätzung: Gelegentlich erinnern sich Leute an unser Walten im Hintergrund, und danken uns, ganz ohne weiteren Anlass. Sie fragen nach, ob es der Instanz gut geht, ob wir Hilfe brauchen, und sind einfach ganz allgemein aufmerksam und anständig. Wenn wir über unsere Finanzen berichten, beteiligen sie sich freigiebig, und wir haben uns seitdem keine Sorgen mehr über die finanzielle Stabilität machen müssen. Teil einer Gruppe voller verantwortungsbewusster, verlässlicher Menschen zu sein, ist ein ziemlich grundlegendes Bedürfnis (behaupte ich, Kraft meiner Wassersuppe). Digitale Gruppen können diese Rolle nicht alleine übernehmen, aber es ist trotzdem tröstlich zu sehen, dass so etwas funktionieren kann. (Danke dafür <3)

Regeln

Es fühlt sich auch gut an, in so einer Situation Macht zu haben. Ja, ich weiß, wie das klingt – lasst mich fertig erklären: Es fühlt sich gut an, Regeln durchzusetzen, die Menschen sich sicher fühlen lassen, besonders wenn sich alle bemühen, mitzuspielen – wir haben im Laufe der Jahre nur eine winzige Menge an Menschen von der Instanz werfen müssen. Wenn wir als Moderator/in einschreiten, bedeutet das in aller Regel, dass wir mit Leuten über einen akuten Vorfall sprechen, der uns oder anderen Bauchschmerzen bereitet. In den allermeisten Fällen finden wir einen gemeinsamen Nenner, manchmal durch verändertes Verhalten, und manchmal, indem die betreffende Person von alleine zu einer Instanz wechselt, deren Regeln ihr besser gefallen, ohne Zank oder Streit. Beide Varianten sind absolut zufriedenstellend, vor allem, weil sie eine Eskalation (äh, technisch gesehen eine Deeskalation?) in die Tiefen oder die Abgründe verhindern.

Zur den guten Seiten der Moderation gehört auch, dass unsere Bewohner*innen für Regeländerungen offen sind – wir haben ziemlich hart daran gearbeitet, eine gute Mischung aus Regeln und Empfehlungen zu finden, und alle Rückmeldungen waren konstruktiv. Es liegt in der Natur der Moderation, dass der Großteil unserer Arbeit hinter den Kulissen passiert, weil wir bei Regelverstößen das direkte Gespräch suchen, und weder Details noch sonst irgendetwas veröffentlichen. Nichtsdestoweniger entscheiden Leute sich täglich, unserem Urteil zu vertrauen, ohne es überprüfen zu können. Wir wissen, dass das, hochtrabend gesprochen, eine Ehre ist.

Mwahaha

Macht bringt noch andere, kreative Möglichkeiten mit sich: Zum Beispiel, coole Instanz-Emotes auszusuchen, die unsere Interessen widerspiegeln (Pride-Fahnen und Brot-Emotes; dreimal dürft ihr raten, wer was ausgesucht hat), oder die Instanz passend zur Jahreszeit zu stylen, oder überhaupt mit vielen kleinen Anpassungen zu spielen.

Die Tiefen

Gruppen haben immer auch ihre schlechten Seiten, besonders, wenn man Verantwortung für sie hat. Das geht von etwas unangenehmen Aufgaben bis hin zu Ereignissen, die sich eigentlich nur mit "nein nein NEIN" beschreiben lassen. Ich werde die nur nervigen Sachen auslassen (E-Mail-Support für vergessene Passwörter usw.), weil die nicht mal auf kurze Sicht ins Gewicht fallen. Der Rest folgt sortiert von weniger schlimm bis schon eher mehr schlimm.

Spam

In der nicht sehr tiefen Tiefe sind zuerst die Spammer und ihre Artgenossen angesiedelt. Es ist nicht schwer, sie zu melden und zu blocken, aber es ist dafür auch immer etwas zu tun. Bonuspunkte gibt es für Spam-Instanzen, weil mit einem Instanzblock mehr Spam abgefangen wird – andererseits dokumentieren wir jede geblockte Instanz, sodass das doch wieder etwas Mehrarbeit ist (außerdem müssen wir natürlich zuerst sicherstellen, dass die ganze Instanz spammt, und nicht nur ein paar Accounts, um die sich die Admins schon kümmern).

Arschlöcher

Die nächste Stufe sind Arschlöcher. Man begegnet ihnen unweigerlich, sobald man online unterwegs ist, also lohnt es sich, auf sie eingestellt zu sein. Offensichtliches Arschlochverhalten ist, wenn Leute homophob sind, oder Nazis, oder Verschwörungstheorien verbreiten. All das passiert übrigens meistens auf deutlich schlimmere Art als man es erwartet. Aber Arschlöcher können (aus Moderator*innen-Sicht) noch schlimmer. Zum Beispiel kenne ich nicht jeden Stuss, auf die solche Leute kommen, und deshalb muss ich immer mal irgendwelchem Blödsinn hinterherrecherchieren, um herauszufinden, ob ich jemanden blocken oder von der Instanz werfen muss. Bedenkt dabei noch, dass man in Mastodon zwar Posts an eine Meldung anhängen kann, aber das deshalb noch lange nicht alle Leute auch machen: in Kombination führt das dann dazu, dass wir gelegentlich einige richtig ekelige Seiten durchscrollen müssen, um uns in einer Moderationssache eine Meinung zu bilden. Außerdem sinkt auch einfach die Stimmung, wenn man ohne viel Vorwarnung Zeug aus der alleruntersten Schublade des Internets lesen muss, wie z.B. Suizidaufforderungen, Fatshaming, Aufnahmen von Tod und Gewalt unter unzusammenhängenden Hashtags, Holocaustbilder und -leugnung und so weiter.

Arschloch-Instanzen

Und natürlich wieder: Bonuspunkte für ganze Instanzen von diesem Müll, weil wir uns mindestens einen weiteren Account (von Admins oder Moderator*innen) ansehen müssen, um zu beurteilen, ob wir die Instanz blockieren wollen. Was ich in diesem Zusammenhang ansehen musste, übertrifft zwar nicht, was ich sonst so im Netz gesehen habe, aber es wirft trotzdem immer einen Schatten auf die Laune und den Tag, und kann an jedem beliebigen Tag vorkommen.

Dazu kommt eigentlich noch die Bemühung, mit neuen Entwicklungen Schritt zu halten: Leute warnen einander, wenn eine neue Instanz voller Nazis oder Crypto-Deppen oder so auftaucht, und es wird unterschwellig von Instanzadmins erwartet, diese Instanzen so bald wie möglich zu blocken. Wir machen das nur so mittel, weil es halt ein Haufen Arbeit ist. Normalerweise warten wir auf die erste Meldung von Problemen, was die Arbeitsbelastung für uns reduziert, aber dafür natürlich auf Kosten je mindestens einer User*in geht.

Zuhause

Die letzte Stufe ist dann, wenn einer der oben genannten Punkte von unserer Instanz ausgeht. Internet-Arschlöcher sind immer scheiße, aber alles ist plötzlich viel viel schlimmer, wenn man sich für sie verantwortlich fühlt. Das ist glücklicherweise fast nie vorgekommen. Eine Einladung zu brauchen, um auf die Instanz zu kommen, hat dazu beigetragen, dass Leute sich der Gruppe etwas zugehörig fühlen, und sich entsprechend auch (im Schnitt) anständig verhalten. Anfangs sind wir knapp dran vorbeigeschrammt, aber spätestens seit wir keine offene Registrierung mehr anbieten, hatten wir, soweit ich mich erinnere, keine offenkundig böswilligen Leute mehr dabei.

müde

Es gibt noch einen letzten Punkt, der nicht wirklich eine weitere Stufe ist, mehr ein Zusatz: Wir sind immer im Dienst, und das kann zermürbend sein. Viele Leute nutzen den "Melden"-Knopf, aber natürlich sind es nie alle – irgendwer schreibt immer direkt Leah oder mich an, was es wirklich schwer macht, sich Zeit zu nehmen, um einfach nur das Fediverse zu genießen. Das klingt jetzt nicht so schlimm, zumindest im Vergleich mit den restlichen Punkten, aber das war definitiv, was mich dazu gebracht hat, auch wieder auf Twitter aktiv zu sein. Ich wollte einfach einen Ort haben, an dem ich mich nicht verantwortlich fühle, wenn Leute sich bescheuert daneben benehmen.

Die Abgründe

Wenn ihr euch jetzt fragt, was noch schlimmer ist, als das Zeug, das ich oben ausgeblendet habe, lasst mich eins Klarstellen: Die Abgründe sind nicht schlimmer als die Tiefen, sie sind anders schlimm. Insbesondere beherbergen die Tiefen Situationen, die kompliziert oder uneindeutig sind (Uneindeutigkeit ist ein bescheuertes Konzept, das niemand braucht. grrr). Ich fange wieder bei den weniger schlimmen Sachen an:

Verteidigung

Der erste, kleine Abgrund ist der Stress. Ich habe es eben schon angedeutet, als ich gesagt habe, dass wir immer im Dienst sind, aber hier meine ich nicht ganz dasselbe: In jeder Situation, in der Leah und ich eine Entscheidung treffen müssen, stehen wir unter großem Druck, die (oder jedenfalls eine) richtige Entscheidung zu treffen, um uns des oben erwähnten Vertrauens würdig zu erweisen. Aber nicht nur das: Wir müssen auch eine Entscheidung treffen, zu der wir genauso stehen, wenn sie von einem böswilligen Troll voller verdrehter Tatsachen veröffentlicht wird, auf die wir nichts erwidern können, weil wir Teile der Situation vertraulich behandeln müssen (und uns auch sonst nicht auf öffentliche Schlammschlachten einlassen wollen). Man fängt da an, jedes Wort zu hinterfragen, und sich zu überlegen, wie es aus dem Zusammenhang gerissen wirken wird. Das ist eine Position, die uns in die Defensive steckt, ohne uns irgendwelche Mittel zur Verteidigung zu geben. Das ist frustrierend ohne Ende.

grrrr

Wenn man Leute konstant unter Druck setzt, sind sie irgendwann nicht mehr heiter und fröhlich, und da wir chaos.social nur als Freizeitprojekt betreiben, gibt es gelegentlich Augenblicke, in denen weder Leah noch ich Bock haben, uns um den Haufen Müll zu kümmern, den uns das Internet da vorsetzt. Tun wir aber natürlich trotzdem. Blanke Nerven und angespannte Situationen können durch ein unvorsichtiges Wort kippen. 99% der Zeit hat eine/r von uns genug Luft, dem/der anderen den Rücken freizuhalten, aber es gibt Momente, die für alle Beteiligten unschön sind. (Wir haben mittlerweile viel Übung, und sind immer noch gute Freunde, aber das heißt nicht, dass der Weg hierher leicht war.)

Kopfschmerzen

Der nächste Abgrund tut sich auf, wenn wir die Regeln anfassen. Es gibt viele gute Wege, eine Instanz aufzuziehen (und noch viel mehr schlechte), und es ist schwierig zu wissen, was gut ist, was nötig ist, und was Spaß machen würde. Es hat uns einige Anläufe gekostet, unseren Umgang mit Crossposts und Bots zu finden (Antwort: erlaubt, aber nicht auf der lokalen Timeline), oder das beste Verhältnis zwischen Regeln und Empfehlungen, oder wie wir mit gemeldeten Problemen umgehen, oder ob wir offene Registrierungen haben oder nicht, und wenn nicht, wie Einladungen funktionieren (Antwort: alle User*innen dürfen Einladungen verteilen, aber wir verhindern unbegrenzt gültige Einladungen), und so weiter. Wie oben gesagt war die Instanz sehr geduldig und verständnisvoll, wenn wir an den Regeln gedreht haben (wohl auch, weil wir die Änderungen klein gehalten haben und immer unsere Gründe erklären), aber es ist immer noch ein anstrengendes, komplexes Thema mit unangenehmem Zerstörungspotential.

Software

Dann gibt es noch die Softwarescheißediskussionen. Es ist ja erst mal nichts neues, dass Leute übermäßig feste und laute Meinungen zum Thema Software haben, und z.B. die Diskussion um Pleroma vs. Mastodon klang stellenweise schon sehr nach vim vs. emacs, nur mit einer Extraportion „die anderen sind alles Nazis“. Es ist super ätzend, wenn man gerade versucht herauszufinden, warum ein Feature auf der eigenen Instanz nicht funktioniert, und dann stattdessen nachvollziehen muss, wer all diese Leute sind, die in lose verlinkten GitHub-Issues Diskussionen führen, bei denen offenkundig die Hälfte ungesagt ist. Das sind dann ein paar Internet-Randos, plus Projektmaintainer, plus sonstige Coder im Projekt plus Leute, deren Herzens-PR nie gemerged wurde und die deshalb gnatzig sind, plus zentrale Mitglieder des Mastodon-Projekts (und solche, die es sein wollen), deren Meinungen überall sind und deren Loyalitäten einem sehr unübersichtlichen Wandel unterliegen, plus … und so weiter. Großartige Mischung. Ich meine, dass dieses Drama an Fahrt verloren hat, aber vielleicht bin ich nur besser darin geworden, es auszublenden. Jedenfalls ist es nervig bis bescheuert, zu versuchen, in diesem Gewirr den Überblick behalten, und ich bereue jede Sekunde, die ich damit verbracht habe, Aufsätze über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Quote Retweets zu lesen.

Instanzen

Die nächste Stufe sind dann Instanzkriegedispute. Instanzblocks sind an sich schon ein kompliziertes Thema, zu dem die Meinungen von „schlecht, zerstören das Fediverse“ bis „notwendig, ich will keinen Nazidreck lesen“. Manchmal finden größere Instanzstreitigkeiten statt, mit Block-Aufforderungen auf beiden Seiten. Dann dürfen wir durch lange Diskussionen auf beiden Seiten buddeln, um beispielsweise herauszufinden, ob eine Instanz wirklich transphob ist, oder einen transphoben Ex-Moderator hatten, oder nur jemand dort eine dumme Meinung hatte, oder ob nichts davon zutrifft und das nur von Trollen falsch dargestellt wurde.

Instanzblocks

Wir blocken selber auch andere Instanzen, allerdings sind diese Blocks meistens nicht umstritten. In den letzten Jahren waren wir nur einmal in so ein Drama aktiv verwickelt, und es war eine anstrengende, fundamental dumme Situation, die über mehrere Wochen entwirrt werden musste – oft in langen Gesprächen mit Menschen, die sehr vernünftig klangen, dabei aber trotzdem alle Alarmglocken klingeln ließen. Wenn so etwas in aller Öffentlichkeit stattfindet, ist das nur wegen der letzten Zeile unserer Instanzregeln erträglich: „Diese Instanz läuft dank unserer Freizeit, unserer Hardware und unserer Nerven. Überstrapaziert keins der drei.“, was übersetzt heißt: am Ende gilt unsere Entscheidung, auch ohne Begründung. Aber natürlich wollen wir nicht ohne Begründung handeln (wie gesagt, wir wollen das Vertrauen ja verdienen), und die ganze Angelegenheit ist deshalb stressig und nervig und versaut immer wenigstens ein paar Tage, wenn nicht Wochen. Und da keine dieser Situationen eindeutig oder leicht zu entscheiden sind (sonst wären sie ja oben in den Tiefen gewesen, nicht hier unten in den Abgründen), verbringen wir immer die Hälfte der Zeit damit, unsere Entscheidungen zu hinterfragen. Sorgfalt mag gut für die Seele sein, aber niemand hat etwas von Spaß gesagt.

Menschen

Die schlimmsten Fälle sind kompetente Trolle. Wenn wir zu einer anderen Instanz eine falsche Entscheidung treffen, ist das schlecht, aber Instanzen haben ihre eigenen User*innen, und können uns im Zweifel auch durch andere (nervige, unangenehme, aber immerhin verfügbare) Kanäle erreichen, um die Sache zu besprechen. Das ist für einzelne User*innen viel schwerer bis unmöglich, weshalb es umso wichtiger ist, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen. Gleichzeitig ist es bei Einzelnen aber auch wahrscheinlicher, dass sie Trolle sind (weil eine Instanz am Laufen zu halten Aufwand ist, während jeder Depp trollen kann). Wie in den anderen Fällen ist es auch hier bei Leuten auf anderen Instanzen immer noch weniger schlimm, wenn wir sie falsch einschätzen - im schlimmsten Fall kann eine Person nicht mehr mit unserer Instanz interagieren. Aber mit Leuten auf unserer Instanz … puh. Es gibt Tage, an denen ich mir lieber eine reinhauen lassen würde als abzuwägen, ob eine*r unserer User*innen nur mal ein ernstes Wort braucht, oder ob wir den Account schon vor einem Jahr hätten rauswerfen sollen, oder ob die Meldung total aus dem Zusammenhang gerissen ist.

Fragen

Ein Großteil der Arbeit besteht darin, Zwischentöne und Graustufen zu navigieren, und das ist nervig und ermüdend: Kennen wir diese Userin schon von früheren Problemen? Wie schlimm waren die? Wann? Haben wir sie verwarnt, und wie hat sie reagiert? (Am Anfang waren die Moderationstools von Mastodon echt schlecht, was die Sache nicht leichter macht). Handelt die Person in böser Absicht? Ist sie nur unwissend? Macht das einen Unterschied? Wollen wir sie bitten zu gehen? Wollen wir den Account sperren, oder ihr lieber etwas Zeit geben, von alleine umzuziehen und ihre Daten zu migrieren? Soll der betreffende Post gelöscht werden? Von uns oder von ihr? Braucht es eine Entschuldigung? Wie reagieren wir, wenn sie sich nicht einsichtig zeigt – verhandeln wir? Fragen wir nach? Oder sind Grenzen übertreten, bei denen das nicht zur Diskussion steht? Müssen wir öffentlich zu dem Vorkommnis Stellung nehmen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass wir es still billigen, oder würde das unnötig Aufmerksamkeit auf die Situation ziehen? (99% der Zeit sagen wir natürlich nichts, darin besteht ja unsere Arbeit in der Moderation, aber wir müssen eben auch dafür sorgen, dass nach außen hin klar wird, dass wir Arschlöcher nicht dulden, selbst wenn unsere Handlungen nicht sichtbar sind.)

unablässig

Es hört nicht auf. Es hört nie auf. Es liegt in der Natur der Menschen, dass sie nicht aufhören und vielschichtig sind, und kaum bösen Willen beweisen, sondern nur ein oft erschreckendes Maß an Unbeholfenheit. Wir handhaben all das trotz eines allgegenwärtigen Publikums, das bereit ist, nicht nur das Schlimmste anzunehmen, sondern auch laut vorzuwerfen – uns, unseren User*innen, und Umstehenden. Wir bewältigen diese Situationen, indem wir uns sehr, sehr bemühen, das Richtige zu tun, aber auch auf unser Faustregel „Das ist unser Wohnzimmer, verhaltet euch entsprechend“ zurückfallen. Es hat uns einiges an Zeit und Mühe gebraucht, um den Weg hierher zu finden. Ich bereue das nicht.

Aber boah, es wäre auch schön gewesen, wenn es unterwegs weniger Blödsinn gehagelt hätte.

Das Ende

Unterm Strich lohnt es sich, eine Fediverse-Instanz zu betreiben, denke ich. Oder, anders gesagt: Ich bin froh, dass ich damit vor fünf Jahren angefangen habe. Das sieht zwar an schlechten Tagen nicht so aus, aber zum Glück sind die schlechten Tage eine kleine (aber laute) Minderheit.

Wenn ihr überlegt, selber online eine Gruppe oder einen Raum aufzubauen, und euch jetzt abgeschreckt fühlt: gut, ihr nehmt die Sache also ernst. Jetzt scrollt hoch, und lest noch mal den Teil über die Höhen. Dann scrollt runter, und lest noch mal den Teil über die Abgründe. Viel Erfolg beim Entscheiden.

Ein großes Dankeschön geht an alle, die bei dieser Aktion, die zu gleichen Teilen bescheuert, witzig und lehrreich war, dabei waren. Es wäre auch ohne euch gegangen, aber nur um den Preis, zu einem verbitterten Arschloch zu werden. Dieser Bericht hätte sich dann auf jeden Fall sehr anders gelesen. Und natürlich: Danke, Leah <3


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